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April 2019
Interview: Oliver Viehweg

Oliver Viehweg ist ausgebildeter Maßschneider und gründete 2012 sein Studio für zeitgenössische Mode in Leipzig. Seitdem ist er mit seinem Label „OLIVER VIEHWEG COLLECTION“ für individuelle Einzelstücke als konzeptionelle Kollektionen bekannt geworden. Seit den letzten Monaten war er im Zuge seines neuen, zweiten Labels „fluid“ unterwegs, um das Konzept seiner gender-neutralen Modelinie international vorzustellen. Wir hatten die Möglichkeit, Oliver bei uns im Studio zu treffen und mehr über sein neues Label zu erfahren.

Was hat dich zur Neugründung von „fluid“ bewegt?

Nachdem ich mit Oliver Viehweg Collection hauptsächlich konzeptionelle Kollektionen mit Einzelstücken gefertigt habe, wollte ich ein Ready-to-wear-Label gründen, um dort die Verbindung zwischen den unikaten Damenkollektionen von Oliver Viehweg Collection und den privaten Anfertigungen im Herrensegment zu schaffen. Mein neues Label „fluid“ bietet mir somit die Möglichkeit, beide Leidenschaften miteinander zu verknüpfen und eine weitere Nuance im Bereich der gender-neutral fashion zu setzen.

„Nachhaltigkeit hat viele Facetten und fängt bei einem bewussten Einkauf von Kleidung an.“

Oliver Viehweg

In meinen Augen wird Unisex-Mode zukünftig auf dem internationalen Modemarkt eine immer größere Rolle spielen, denn nie zuvor war die Gesellschaft freier und offener dafür. Es ist gerade eine aufregende Zeit, in der aus allen Bereichen der Kunst, des Sports, der Kultur, der Politik und Popkultur gleichsam geschöpft und kreiert werden kann. Die Modebranche ist bereit, ihr Schubladendenken abzustreifen – und dies möchte ich gerne unterstützen und stärken. Mit „fluid“ habe ich die Chance, die Grenzen der Individualität neu auszuloten, ganz unabhängig von Geschlecht, Alter, Nationalität und Größe. Das ist es auch, wofür „fluid“ letztendlich steht.

Du hast den Namen “fluid” bewusst gewählt?

Ja. der Name kam mir recht schnell in den Sinn. Zum einen ist er in gewissen Bereichen unserer Kultur mittlerweile ein etablierter Begriff und zum anderen lässt er genügend Spielraum, sodass jede Person ganz assoziativ mit diesem Wort etwas anderes verbinden kann. Mir war es wichtig, dass der Name des Labels einfach zu verstehen ist, ohne viel erklären zu müssen und vor allem, dass er im Deutschen und wie auch im Englischen funktioniert.

Unter dem neuen Label wird es keine Einzelstücke mehr geben, sondern ganze produzierte Kollektionen?

Genau, die Einzelstücke bleiben weiterhin Oliver Viehweg Collection vorbehalten. Für „fluid“ produziere ich meine Kollektionen in Auflagen hier vor Ort in Leipzig.

Wie stehst du zu Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit ist für mich ein wichtiges Thema. Ich versuche so nachhaltig, ökologisch und fair zu arbeiten, wie es möglich ist. Grundsätzlich halte ich dies auch für eine absolute Selbstverständlichkeit. Nachhaltigkeit hat viele Facetten und fängt bei einem bewussten Einkauf von Kleidung an.

Deine Arbeit an „fluid“ hat dich weit ins Ausland geführt. Warum New York?

New York City ist nicht nur eine der Weltstädte, sondern auch schon immer der Schmelztiegel unterschiedlicher Strömungen und Einflüsse gewesen. Dort gibt es z. B. bereits etablierte gender-neutral Fashion Brands. Die Stadt ist aber auch unter dem Gesichtspunkt spannend, dass von dort aus schon vor vielen Jahren die Genderdebatten angestoßen und geführt wurden. Klar ist aber auch, dass Themen wie Gleichberechtigung, gleiche Rechten für trans- und intersexuelle Menschen und Frauenrechte auch in den USA noch lange nicht zu Ende diskutiert sind. Ich möchte mit „fluid“ zu einem offenen Umgang mit genau diesen Themen anregen und sensibilisieren. Deutschland hat an diesen Punkten noch Nachholbedarf, aber ich bin der Hoffnung, dass sich auch hier in den nächsten Jahren einiges ändern wird, so lange es genug Menschen gibt, die sich dafür sozial und politisch einsetzen.

Was sind deine nächsten Ziele für „fluid“?

Das nächste Ziel ist es, eine geeignete Präsentationsform zu finden, die gut zum Label passt, wie z. B. ein kleiner Salon oder ein Concept Store. Alle weiterführenden Ziele sind sicherlich formulierbar, aber aus der Erfahrung der vergangenen Jahre weiß ich auch, dass es wichtig ist, spontan und flexibel zu bleiben, um auf Ereignisse auch sehr spontan reagieren zu können. So könnte „fluid“ zum Beispiel auch im Zuge einer künstlerischen Präsentation sichtbar werden. Für das Label selbst würde ich mir wünschen, nicht nur als Mode-Brand, sondern auch als soziale Plattform zu fungieren.

Zwei Labels, das Streben ins Ausland, deine Basis in Leipzig. Woher schöpfst du deine Inspirationen?

Meine Inspirationen schöpfe ich aus ganz unterschiedlichen Quellen. Meistens ist es eher ein Detail, ein Moment, eine Begegnung mit Menschen oder Situationen, in denen ein bestimmtes Gefühl zurückbleibt, das ich gerne festhalten möchte. Genau das versuche ich in meinen Kollektionen ein Stück weit wiederherzustellen oder zu transportieren. Hat es Energie? Hat es Bewegung? Hat es eine bestimmte Struktur? Erinnert es mich an etwas? Das schöne an diesen Inspirationen ist, dass sie immer nur als Abstraktion des Erlebten, Gesehenen oder Gefühlten wirken und dass sich mit dem Tragen eines Kleidungsstücks ganz neue Erfahrung und Assoziation mit meinen ursprünglichen Gedanken verknüpfen. Das heißt für mich aber auch, dass ich raus in die Welt muss, um von der Welt erzählen zu können. So sind Reisen und oft unterwegs zu sein immer eine große Inspirationsquelle.

Gehst du selbst gerne einkaufen oder schneidert man sich die Lieblings-Looks einfach auf den Leib?

Ich kaufe grundsätzlich eher wenig bzw. sehr bewusst meine Kleidung ein. Dazu gehört auch, dass ich regelmäßig meinen Kleiderschrank aussortiere und Kleidungsstücke, die ich länger als ein Jahr nicht getragen habe, verschenke oder in den Theaterfundus gebe. Ich versuche mir bewusst zu machen, was ich wirklich brauche und tragen möchte und was zu einem weiteren Lieblingsstück in meiner Garderobe werden kann. Mehr Kleidungsstücke zu haben macht nicht automatisch glücklich. Vor allem wenn die Qualität nicht stimmt und sie dadurch nur eine kurzweilige Freude sind.

Leipzig, unsere schöne Stadt und deine Heimat. Hast du einen Ort der Ruhe, einen Lieblingsort?

Es gibt viele Orte in Leipzig, an denen ich sehr gerne bin. Vor allem lerne ich als gebürtiger Leipziger auch immer noch neue Ecken von Leipzig kennen und lieben. Ich mag die Natur in und um die Stadt herum und die Offenheit der Menschen. Die netten Cafés und Bars sind natürlich ein großes Plus in der Stadt. Den nettesten Wein gibt es zum Beispiel im Renkli.

Was machst du neben der Mode noch?

Montagnachmittags bin ich immer in Grünau im Theatrium, einem Kinder- und Jugendtheater. Dort leite ich die Kostüm- und Maskenwerkstatt für Kinder und Jugendliche. Ich mag die freie kreative Arbeit mit den Projektteilnehmern und es ist schön, das eigene Wissen weiterzugeben, Kreativität zu fördern und darüber hinaus junge Menschen beim Erwachsenwerden zu begleiten. Das ist ein toller Weg, um auch selbst wieder ein Stück zu wachsen.

OLIVER VIEHWEG COLLECTION
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FLUID LABEL
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