Schön, dass du hier bist. Wie bist du zur Schauspielerei gekommen?
Meine Eltern haben schon immer mit Theater zu tun gehabt, also mit Amateurtheater im plattdeutschen Raum. Auch meine Großmutter und Großvater mütterlicherseits waren am Theater. Mein Großvater durfte nach dem Krieg in Kiel das erste Profitheater aufmachen. Er hatte als Erster die Erlaubnis von der britischen Besatzung, den Spielbetrieb wieder aufzunehmen. Das ist das Theater am Wilhelmplatz und das gibt es, soweit ich weiß, immer noch, und da spielt auch nach wie vor die Niederdeutsche Bühne. Mein Vater inszeniert da tatsächlich auch noch und meine Großmutter, die dort ewig gespielt hat, hat dort meinen Großvater kennengelernt. Sie war Schauspielerin, er war Intendant. Die Schauspielerei prägt also meine Familie. Obwohl meine Eltern ganz normale Berufe hatten und das Theater eher ein Hobby war. Ich habe dann mit acht Jahren in Preetz in Schleswig-Holstein mit Theater angefangen und dort das Weihnachtsmärchen gespielt. Das war von Kindern für Kinder. Für mich war das ein Highlight. Nach dem Sommer wurde an den Wochenenden geprobt und wir haben dann die Adventswochenenden durchgespielt. Teilweise hatten wir am Samstag drei Vorstellungen. Durch diesen frühen Einstieg war immer der Wunsch da, damit was zu machen. Meine Eltern haben sich irgendwann getrennt und ich bin mit meiner Mutter und meinem Stiefvater in den Speckgürtel von Hamburg gezogen. Ich hatte schnell den Bezug zu Hamburg und bin in eine Kinder- und Jugendagentur aufgenommen worden. Danach habe ich angefangen, die ersten Sachen zu drehen: Kinder vom Alstertal, Rettungsflieger, Pfefferkörner und so weiter. Leider ist das zu meinem großen Schrecken wieder in der ARD-Mediathek zu finden. Grauenerregend. Ich sag aber nicht, welche Folgen
Und das waren für dich die prägenden Erfahrungen, bei denen du gemerkt hast, dass du mit der Schauspielerei auch beruflich weitermachen willst?
Ja, es war dann irgendwie klar, dass ich es mal mit der Schauspielerei ausprobieren werde und ich habe angefangen, mich an Schauspielschulen zu bewerben. Das war eigentlich das Schlimmste an diesem ganzen Werdegang. Jeder, der mal auf so einem Vorsprechen einer Schauspielschule war, weiß, dass da alle so etwas Spezielles haben, so einen künstlerischen Touch. Ich hatte das überhaupt nicht und habe da null reingepasst. Ich aus einem Vorort von Hamburg mit meiner G-Star-Hose. Das war voll daneben. Ich wäre am liebsten wieder umgedreht und nach Hause gefahren. Da saßen dann wirklich so alte Herrschaften mit verschränkten Armen und haben dich eigentlich kaum anguckt. Wahrscheinlich war ich auch scheiße, wahrscheinlich habe ich grottenschlecht gespielt. Aber die Leute auf Selbstkosten zu Hunderten anreisen zu lassen und sie übers Fließband abzufrühstücken, hat für mich mit einer künstlerischen Suche wenig zu tun.
Also wurdest du nicht angenommen?
Nein. Ich habe in Hamburg an einer privaten Schule einen Orientierungskurs für ein halbes Jahr gemacht, für Geld natürlich. Das war für mich viel eher etwas, womit ich was anfangen konnte, weil ich als Mensch ernst genommen wurde und ich Fehler machen konnte. Danach bin ich bei denen direkt ins nächste Semester eingestiegen und habe dort die Schauspielausbildung gemacht. Aber ich habe es immer wieder versucht, an staatlichen Schulen aufgenommen zu werden, bin aber nie weiter als zur Endrunde gekommen.
Wie ging es für dich nach der Zeit an der privaten Schauspielschule weiter?
Ich konnte direkt nach dem Abschluss bei einer Produktion einer Regisseurin einsteigen, die mich von der Schule her kannte. Währenddessen habe ich wahnsinnig viele Initiativbewerbungen an Theater geschrieben. Da muss man echt Glück haben und im richtigen Moment die richtige Bewerbung an den richtigen Intendanten schicken. Das hatte ich offenbar, bin zum Vorsprechen eingeladen worden, hab' das gerockt und wurde direkt für die nächste Produktion als Gast aufgenommen. Zwei Monate später war ich fest eingestellt. Das war das Theater an der Parkaue, wo ich dann elf Jahre war. So eine Festanstellung ist natürlich eine Luxusposition. Wenn ich mich woanders beworben habe, wusste ich immer, dass ich den Job nicht haben muss und das war bei der SOKO Leipzig ähnlich. Aber ich wollte diesen Job natürlich haben. Wahnsinnig gerne.
Hattest du während deiner Zeit am Theater auch eine Agentur, die dich begleitete? Wie bist du dazu gekommen? Gab es neben dem Theater dann doch wieder den Wunsch nach Film?
Also ich war eigentlich immer schon in einer Agentur. Man muss gerade am Anfang ganz viel unbezahlte Arbeit machen, um irgendwie an Material zu kommen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz: Leute suchen dich für einen Film, aber vorher brauchst du Demo-Material. Das Demo-Material kriegst du aber nur, wenn du schon mal einen Film gedreht hast. Finde den Fehler. Und während des Abiturs und danach im FSJ konnte ich nicht drehen. Auch im ersten Jahr der Schauspielschule nicht, weil da sagt man immer: „Die sollen noch nichts drehen, weil wir die ja noch formen wollen.“ Ich wollte eigentlich auch ans Theater, weil ich das Gefühl hatte, ich hätte ein Defizit, weil ich von einer privaten Schule kam. Das war auch die richtige Entscheidung, aber deswegen war ich lange Zeit nicht in einer richtigen Agentur, bis ich dann über eine Freundin meine Agentur in Berlin gefunden habe. Ich bin eigentlich kein guter Netzwerker und hab auch nicht viel Vitamin B, aber es gibt halt so Zufälle.
Und über diese Agentur bist du jetzt an die Rolle bei SOKO Leipzig gekommen?
Genau, das war tatsächlich über meine Agentur in Berlin. Ich kannte bereits die Caster, weil ich zuvor einmal bei der SOKO Leipzig mitgespielt habe. Ich bin, glaube ich, dieses Mal erst zur zweiten Casting-Runde dazu gekommen. Vorher wird eine Auswahl an Leuten getroffen, die erstmal ein Self-Tape (E-Casting) einreichen dürfen. Dabei nimmt man sich erstmal zu Hause im stillen Kämmerlein auf. Mittlerweile habe ich das aber nicht mehr alleine gemacht, weil ich tatsächlich aus dem Theater raus wollte. Also habe ich mir einen Coach geholt, mit dem ich das Self-Tape zusammen erarbeitet habe, weil ich das nicht dem Zufall überlassen wollte. Man kriegt eine Szene zugeschickt, die man dann vorbereiten muss. Dazu gibt es noch einen Interviewteil, in dem man sich kurz vorstellt. Das war genau in diesem Corona-Frühjahr 2020 und ich hatte im Interview gesagt, dass ich mich auf die Live-Castings freuen würde, wenn Corona uns denn lässt. Ja, und eine Woche später war dann der Lockdown. Dann stand die Produktion still und wir haben tatsächlich die Live-Castings erst drei Monate später am Pfingstsonntag gemacht. Das war dann mit den anderen drei SOKO-Teammitgliedern und es wurde geschaut wie wir zusammenpassen, ob es was werden würde. Und es ist was geworden.
Das ist nun auch schon 2 Jahre her. Wie gefällt dir das tägliche SOKO Leipzig Geschäft?
Ich war im Theater ja auch fest angestellt. Im Endeffekt ist das ein ähnlich familienunfreundlicher Arbeitstag. Ich kriege erst am Tag vorher den Plan, wie der nächste Drehtag aussieht. Das ist natürlich für meine Familie schwierig. Das heißt nämlich, meine Frau muss immer einspringen und alles auffangen, was ich nicht covern kann. Auf der anderen Seite der Medaille gefällt mir das Tägliche. Ich kann viel rausfinden und ausprobieren. Ich liebe das. Dafür bin unglaublich demütig und freue mich auf jeden Drehtag. Ich glaube, man darf auch nicht vergessen, dass das alles nur eine gewisse Zeit lang dauert. Das wird sich alles irgendwann wieder ändern. Dann geht es weiter. Türen schließen sich und Türen machen sich auf und ich bin mittlerweile selbstsicher genug, dass ich hoffe, in dem Beruf weiterarbeiten zu können. Aber sicher kannst du dir nie sein. Du weißt nicht, wie sich die Branche, dein Leben und die Welt entwickeln. Deswegen bin ich tagtäglich für alles wahnsinnig dankbar.
Nochmal zurück zu deinem Beginn bei der SOKO Leipzig. Du hattest schon einmal eine Gastrolle, aber nicht in der Rolle des Moritz Brenner? Fällt das den Zuschauer*innen nicht auf?
Ich war tatsächlich sogar der Mörder und mit Sicherheit gibt es auch viele Zuschauer, die sich denken: „Hä, der sitzt doch im Knast?“. Aber wenn man Schauspieler in einer laufenden Serie über 20 Jahre nur einmal verwenden würde, dann wären keine Gastspieler mehr übrig. Man kann ja auch eine andere Serie anschauen und sieht dieselben Schauspieler. Bei Serien wie der SOKO Leipzig ist das üblich. Man sagt immer nach so zwei Jahren müsste es wieder gehen. Bei mir waren es sogar fünf. Aber Caster wissen natürlich schon: „Okay, mit dem haben wir schon mal gearbeitet, aber es ist lange genug her. Den gucken wir uns nochmal an.“
Wie nah bist du an der Rolle des Moritz Brenner? Und andersrum, findet sich in der Figur auch etwas Johannes wieder?
Natürlich ist da auch ganz viel Johannes drin. Aber wenn ich mir die Folgen anschaue, steht da trotzdem eine Figur, die mit mir nicht unbedingt wahnsinnig viel zu tun hat. Im Endeffekt geht es immer um den Typen, auch am Theater. Natürlich gibt es diese Vorstellung des Schauspielers, der eine weiße Leinwand ist und alles spielen kann, hat aber mit der Realität wenig zu tun. Du wirst schon auf Typen besetzt. Man sieht immer wieder die gleichen Kollegen im Fernsehen, die auf die gleichen Rollen besetzt werden. Das kann aber als Schauspieler auch blöd sein, wenn man mal was anderes spielen will oder der künstlerische Anspruch anders ist. Oder es werden bestimmte Typen gesucht, wofür es aber keine fertig ausgebildeten Schauspieler gibt. Dann braucht man Leute, die vielleicht nur ein paar Workshops gemacht haben, aber die Figuren authentisch und gut darstellen können. Das heißt nicht, dass sie gute Schauspieler sind, aber sie können die eine Figur wahnsinnig gut verkörpern.
Würdest du sagen, dass die Selbstdarstellung von Schauspieler*innen auf Social Media karrierefördernd ist?
Grundsätzlich nicht, aber man ist durch Social Media schon sehr früh mit Selbstdarstellung und Selbstpräsentation konfrontiert. Man wird daran gewöhnt, Sachen von sich Preis zu geben. Und natürlich hast du ein viel besseres technisches Equipment heutzutage. Also ich habe mich noch mit dem Selbstauslöser meiner Digitalkamera, die ich zum Geburtstag für die Klassenfahrt bekommen habe, fotografiert. Das war ganz furchtbar. Aber wenn man eine hohe Followerzahl hat, ist das für eine Produktion natürlich auch eine Möglichkeit, dieses Publikum anzusprechen. Also in der poppigen Glamourwelt hilft das schon. Aber wenn man was Seriöses mit künstlerischem Anspruch machen will, wahrscheinlich nicht. Ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass Social Media mir großartig geholfen hat, Jobs zu kriegen, aber es erzeugt eine größere Sichtbarkeit. Aber natürlich ist der Pool, in dem du als Künstler schwimmst, größer geworden.
Was hat war für dich das Interessanteste an der aktuellen Staffel?
Man erfährt auf jeden Fall etwas über die Sexualität von Moritz. Das wurde jetzt schon in ein paar Folgen angedeutet. Da wurde ganz “en passant” Moritz nicht als klar heterosexuell dargestellt. Und dann ging es natürlich sofort los: „Oh, der ist ja schwul. Das wusste ich gar nicht.” Wir versuchen einen Kommissar darzustellen, der eine andere Sexualität hat als die Norm, die erstmal nicht ganz eindeutig ist. Wir wollen zeigen, dass es wahnsinnig viele Möglichkeiten an Beziehungs-, Lebens- und Wohnmodellen gibt. Da werden viele Themen aufgemacht. Tatsächlich war die Figur im ersten Casting heterosexuell, im nächsten Casting war sie homosexuell. Also für mich war es schon von vornherein klar, dass Moritz kein klar heterosexueller Kommissar sein sollte und habe dann den Anstoß gegeben, vielleicht eine pan-sexuelle Figur zu erzählen. Die Community hat das vorerst ganz gut angenommen. Mir gefällt auch sehr gut, dass wir es nicht so plakativ oder klischeehaft erzählt haben. Ich bin jemand, der gern mal Nagellack getragen hat, bedingt durchs Theater oder Experimente mit den Kindern. Auch Frauenkleidern waren im Theater oft Teil meiner Figuren, aber deswegen heißt das ja nicht, dass ich so oder so bin. Es ist schon schön, dass man dafür in Berlin nicht angeguckt wird und ausleben kann, was man eben gerade mag. In Leipzig ist das ein anderes Ding. Ich habe meinen Stil hier schon ein bisschen angepasst. Man traut sich nicht, so richtig krasse Sachen anzuziehen.
Ich hoffe, das hat dein Bild von Leipzig nicht geprägt. Wie gefällt dir die Stadt sonst? Hast du einen Lieblingsspot?
Leipzig ist eine tolle, lebenswerte Stadt, vom Grün und von den Seen her. Das ist unglaublich schön. Die Künstlerszene ist toll. Karl-Heine-Straße finde ich schon geil. Das mag ich sehr. Da fühl ich mich immer zu Hause, so ein bisschen wie in Berlin Friedrichshain oder Kreuzberg. Ich habe immer noch einen großen Bezug zu Berlin. Bei SOKO Leipzig sind ja auch 50 % der Leute aus Berlin. Melanie (Marschke) und ich sind die Einzigen, die hier in Leipzig wohnen. Und ich bin immer noch häufig in Berlin und freue mich jedesmal da zu sein. Aber Leipzig ist Leipzig und Berlin ist Berlin. Und das ist auch gut so. Leipzig hat es gar nicht nötig nach Berlin zu schielen. Einer meiner Lieblingsspots in Leipzig ist die Skala. Das ist so meine Art von Kneipe. Wenn du spät noch unterwegs bist, weißt du: Zur Not hat die Skala noch auf und hat ein volles Glas für dich. Da kannst du hin und wirst geliebt.
Vielen lieben Dank für das Gespräch.
Ich danke euch.
Mehr als ein Wort - wir sprechen über persönliche Wege, Erfahrungen und Visionen. Unsere Interviews porträtieren kreative Leipziger Köpfe und interessante Menschen unserer Stadt. Gemeinsam setzen wir uns für mehr Sichtbarkeit der Mode- und Kreativszene Leipzigs ein.
Mehr