Noch während deiner Abiturzeit hast du an einer Misswahl teilgenommen. Was hat dich dazu bewogen?
Ich wuchs in Leipzig auf, wo Sport und Tanz einen großen Teil meines Lebens ausmachten. Besonders im Cheerdance-Verein „LE Dancers“ engagierte ich mich. 2016 erfuhr ich durch meine Trainerin von der bevorstehenden Miss Leipzig Wahl. Misswahlen waren für mich bis dahin nur ein Konzept aus amerikanischen Filmen und ich hatte wenig Vorstellung davon, was mich erwarten könnte. Die Neugier überwog jedoch und nach einer kurzen Recherche entschied ich mich, an der Wahl teilzunehmen. Es war die Chance, eine neue Welt zu entdecken und Erfahrungen zu sammeln, die mich letztendlich in die Welt der Misswahlen führte.
Wie lief eine solche Misswahl ab?
Die Miss Leipzig-Wahl fand 2016 hier im Rahmen der Beautymesse statt. Mit einem gewonnenen Titel qualifizierte man sich für die nächste Stufe des Wettbewerbs. Nachdem ich Miss Leipzig geworden war, ging es für mich weiter zur Miss Sachsen Wahl in Chemnitz und schließlich zur Miss Germany. Das Highlight war das Miss Germany Camp auf Fuerteventura, an dem wir, über 20 Kandidatinnen, drei Wochen lang teilnahmen. Das Programm wurde vollständig gesponsert, einschließlich unserer Flüge mit Condor, bei denen sogar eine „Miss Condor“ von den Passagieren gewählt wurde – eine lustige Aktion. Im Camp erhielten wir intensives Training in Bereichen wie Catwalk, Fotoshootings und Medienkompetenz, alles darauf ausgerichtet, uns auf die Rolle als Repräsentantinnen von Miss Germany Corporations vorzubereiten.
Stimmt das Klischee der Oberflächlichkeit bei solchen Misswahlen?
Grundsätzlich hat sich über die Jahre, seitdem ich teilgenommen habe, einiges bei den Wettbewerben verändert. Damals gab es in jedem Bundesland eine eigene Wahl mit Zusatztiteln wie Miss Internet oder Miss Süddeutschland. Hierbei lag der Fokus vor allem auf der Präsentationsfähigkeit, der Ausstrahlung und der Fähigkeit, gut zu sprechen. Es ging darum, sich für ein Jahr als Repräsentantin zu engagieren, Messen zu besuchen und mit Kunden zu interagieren. Damalige Wettbewerbe beinhalteten Durchgänge in Bademode und Abendkleidern. Heute ist es eher eine Art Communityplattform für Frauen, wo jede unabhängig davon, woher sie aus Deutschland kommt, mit einer Mission antritt. Die heutigen Konzepte unterscheiden sich grundlegend von meinen Erfahrungen bei Miss Germany.
Wie verlief damals dein Jahr als Miss Germany?
Während meines Jahres als Miss Germany hatte ich die Gelegenheit, mit verschiedenen Marken zusammenzuarbeiten. Ein Highlight war eine renommierte Brautmodenmarke, die eine eigene Miss Germany Kollektion herausbrachte. Dort war ich als Model tätig und repräsentierte die Marke auf diversen Messen. Zusätzlich war ich regelmäßig Gast bei Community-Events und Netzwerkveranstaltungen, sowie bei Modeschauen. Auch in der Jury von Schönheitswahlen auf Landesebene zu sitzen, war Teil meiner Aufgaben.
Hast du die Aufgaben als Miss Germany mit deiner Schule vereinbaren können?
Ja, quasi. 2017 habe ich Abitur gemacht. Ich bin sehr dankbar darüber, dass meine Schule so kulant war und alles mitgemacht hat - von Fehlzeiten zu Sonderbehandlungen. Ich hatte beispielsweise eine Einzel-Zeugnisausgabe mit der LVZ. Studium war für mich immer ein Ziel, sozusagen ein verinnerlichtes Ideal. BWL schien mir als Studienrichtung attraktiv, da mich wirtschaftliche Themen faszinierten und ich mir eine Karriere in einem großen Unternehmen vorstellen konnte. Erstaunlicherweise hatte ich während meiner Schulzeit nie den Gedanken, mich selbstständig zu machen.
Du hast dich letztendlich gegen ein Studium für die Selbstständigkeit entschieden?
Die Erfahrungen, die ich als Miss Germany sammeln konnte, waren ausschlaggebend für meinen Weg in die Selbstständigkeit. Ich lernte, mich selbst zu organisieren, von der Rechnungssortierung bis zu Steuerangelegenheiten – alles, was das Führen eines eigenen Geschäfts beinhaltet. Auch nach meinem Jahr als Miss Germany blieb ich selbstständig im Modelbereich tätig. Die Gelegenheit zur Selbstständigkeit ergab sich, als ich erfuhr, dass ein Kosmetikstudio in Leipzig einen Raum zur Verfügung stellte. Die Flexibilität in der Kosmetikbranche ermöglichte es mir, am Wochenende an Seminaren für Wimperlifting und Wimpernverlängerung teilzunehmen. So begann ich, diesen Raum zu mieten und meine Dienste auf selbstständiger Basis anzubieten. Dank der Ersparnisse aus meiner Zeit als Miss Germany konnte ich ohne finanziellen Druck in die Selbstständigkeit starten. Rückblickend hatte ich schon immer das Bedürfnis, direkt Geld zu verdienen, statt zu studieren.
Welchen Rat hast du für Menschen, die ebenfalls einen Schritt in die Selbstständigkeit wagen wollen?
Mein Motto ist: immer weitermachen und am Ball bleiben. Bei meiner Entwicklung habe ich immer einen Schritt nach dem nächsten genommen. Zuerst fand ich die passende Immobilie, dann galt es, mehr Kundschaft zu gewinnen, was ich hauptsächlich durch regelmäßiges Posten auf Instagram erreichte. Teamarbeit war mir stets wichtig und eine Jobanzeige auf Instagram half mir dabei, ein Team aufzubauen. Die Corona-Pandemie stellte natürlich eine Herausforderung dar - ich musste mein Studio für sechs Monate schließen. Nach dem Lockdown kamen jedoch die Kunden zurück, was mir zeigte, dass meine Online-Präsenz Wirkung zeigte. Heute besteht unser Team aus acht Personen. Trotzdem muss ich gestehen, dass vieles in meinem Leben, wie durch Glück entstanden ist und ich sehr darauf vertraue, dass sich die Dinge fügen werden, wie sie sollten.
Trotz deiner jungen Selbstständigkeit hast du dich für die Teilnahme an der Miss Universe 2022 entschieden. Was hat dich zu diesem Schritt bewegt?
Ich habe mich in dem Miss Germany Jahr viel persönlich weiterentwickeln können unter anderem in Bezug auf meine Selbstständigkeit und bin mir bewusst, dass mir dadurch viele Chancen gegeben wurden. Diese Erfahrungen haben mir viele Türen geöffnet. Deshalb war ich motiviert, diese Art von Erlebnis noch einmal zu machen, diesmal auf einer internationalen Bühne. So bewarb ich mich erneut und hatte das Glück, ausgewählt zu werden.
Wie waren deine Erfahrungen bei Miss Universe?
Bei Miss Universe geht es nicht darum, wie bei Miss Germany für die Organisation zu arbeiten, sondern in erster Linie um die Teilnahme. Das heißt, es ist vom Ablauf her ein bisschen anders. Ich hatte eine intensive vierwöchige Vorbereitungszeit in Miami, gefolgt von drei Wochen in Kolumbien, wo ich mit Designern, Mediencoaches und Sprechtrainern zusammenarbeitete. Miss Universe bot ein ganz anderes Niveau an Herausforderungen und Erfahrungen. Es gab Durchgänge in Bademode und Abendkleid, ähnlich wie bei Miss Germany, aber der Fokus lag auch stark auf unserer individuellen Geschichte und Mission. Ein besonderer Teil war die National Costume Show, bei der jede Kandidatin typische Elemente ihrer Kultur präsentiert.
Woran glaubst du liegt es, dass im Ausland die Misswahl so viel höher angesehen ist als in Deutschland?
Ich glaube, dass Misswahlen in anderen Ländern tief in der Kultur verwurzelt sind. Während meiner Vorbereitungszeit in Miami traf ich eine Frau aus Venezuela, die mir erzählte, dass sie schon als Vierjährige Catwalk-Training erhalten hatte – im Vergleich dazu war Ballett mein Kindheitshobby. In Ländern wie Venezuela werden Misswahlen als wichtige Möglichkeit für gesellschaftlichen Aufstieg gesehen und dort eine Rolle zu übernehmen, gilt als angesehener Beruf. In Deutschland hingegen scheint ein Gewinn bei Miss Universe nicht den gleichen Stellenwert zu haben und bietet nicht dieselben Karrierechancen. Ich habe mich mit Miss Columbia angefreundet, die ihre gesamte Karriere auf ihre Teilnahme an Miss Universe aufgebaut hat. Sie hat eine riesige Followerschaft auf Instagram dadurch bekommen und eine Community aufgebaut, die sie als große Inspiration ansieht.
Hast du persönlich negative Erfahrungen oder Kommentare erlebt?
Auf meinen eigenen sozialen Medien habe ich kaum negative Erfahrungen gemacht. Allerdings stieß ich auf negative Kommentare, wenn in Zeitungen über mich berichtet wurde, wie zum Beispiel bei meinem Gewinn der Miss Germany. Teilweise waren die Medien selbst dafür verantwortlich, da sie provokative Schlagzeilen wie „Die schönste Frau Deutschlands“ wählten. Ich verstehe, dass das Publikum bei solchen Berichten lediglich ein Bild von mir sieht und sich fragt, welchen Mehrwert das bietet. Ein Format wie Miss Universe ermöglicht es dagegen, die Person hinter dem Titel kennenzulernen. Bei Miss Germany fehlt diese Perspektive oft und es entstehen hauptsächlich Kommentare, die sich auf das Äußere beziehen. Mir war von Anfang an klar, dass ich mit solchen Reaktionen konfrontiert werden könnte. Ich versuche, mir bewusst zu machen, dass solche negativen Kommentare oft mehr über die Person aussagen, die sie verfasst, als über mich.
Nach all deinen Reisen und den dabei gemachten Erfahrungen bist du nach Leipzig zurückgekehrt. Was macht diese Stadt für dich so besonders?
Leipzig hat für mich einen besonderen Charme. Die Stadt ist reich an schönen Plätzen, Seen und Parks, die ich seit meiner Kindheit kenne und liebe. Ich fühle mich hier einfach zu Hause, nicht zuletzt wegen der großartigen Cafés, Restaurants und vor allem meiner Familie. Obwohl ich viele beeindruckende Orte weltweit erlebt habe und mir vorstellen kann, in Zukunft auch woanders zu leben, wird Leipzig immer mein Ankerpunkt bleiben.
Vielen lieben Dank für das Gespräch.
Mehr als ein Wort - wir sprechen über persönliche Wege, Erfahrungen und Visionen. Unsere Interviews porträtieren kreative Leipziger Köpfe und interessante Menschen unserer Stadt. Gemeinsam setzen wir uns für mehr Sichtbarkeit der Mode- und Kreativszene Leipzigs ein.
Mehr